Die Suche nach einem ganzheitlichen Leben
Eine friedliche Aura, Abgeschiedenheit und Beten. Dies sind Begriffe, die der Besucher zuerst mit dem Klosterleben assoziiert. Über die Ordensfrauen, die dort leben, um ihren Dienst an Gott und dem Menschen zu tun und über das Klosterleben als solches, wissen Besucher in der Regel nur sehr wenig.Ein Kloster von innen zu betrachten, diese Möglichkeit eröffnet sich den meisten nur dann, wenn sich wie in Engelthal bei Altenstadt im Wetteraukreis die Benediktinerinnenabtei zu kulturellen Veranstaltungen öffnet. Das Kloster wurde 1268 gegründet. Es ist heute eines von drei benediktinischen Klöstern in Hessen. In wechselvollen Zeiten lebten hier zunächst Zisterzienserinnen.
Der katholische Orden der Zisterzienser ging als Reformbewegung aus dem Benediktinerorden hervor. Er wurde 1098 von Robert von Molesmes im Stammkloster Citeaux gegründet. Betrachtet man die heutigen Gebäude und die Bautätigkeit innerhalb des Klosterareals, so läßt sich kaum nachvollziehen, dass im 30-jährigen Krieg die Gebäude fast vollständig zerstört wurden. Nach Wiederaufbau zwischen 1650 bis 1750 und Enteignung des Klosters durch die Säkularisation 1803, konnte nach mehr als 150 Jahren am 1. Mai 1962 Engelthal schließlich als „abhängiges Priorat“ der Benediktinerinnenabtei zum Heiligen Kreuz, Herstelle an der Weser, wiederbesiedelt werden. 1965 erhielt Engelthal den Status einer selbständigen Abtei. Die erste Äbtissin des Klosters hieß Diethild Eickhoff. Ihr folgte Gabriel Cosack. Heute wird das Kloster von Äbtissin Elisabeth Kralemann geleitet. Sie wurde 1949 in Bielefeld geboren und wuchs mit zwei Brüdern in einer evangelischen Familie auf. Nach Abitur, Studium und Berufstätigkeit als Lehrerin für Grund-und Hauptschule in Berlin, konvertierte sie. 1976 trat sie in das Kloster Engelthal ein.
„Es war nicht leicht die Zelte abzubrechen, ich war bereits Beamtin auf Widerruf“, erklärte sie während eines 75-minütigen Pressetermins, gemeinsam mit der stellvertretenden Verwaltungsleiterin Schwester Caterina Görgen. Die beiden Ordensfrauen sind zwei von insgesamt 25 Nonnen zwischen 33 und 99 Jahre, die in der klösterlichen Gemeinschaft in Engelthal leben. Alle haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, leben nach einem streng strukturierten Tagesablauf, der nach der Benediktsregel von Gebet und Arbeit (ora et labora) bestimmt ist. Schwester Caterina wurde 1958 in Mayen in der Eifel geboren. Bereits während ihrer Schulzeit engagierte sie sich in einer Jugendgruppe für alte und kranke Menschen. Nach Abitur und einer Ausbildung als Krankengymnastin, zog sie in Betracht Medizin zu studieren. Doch bald bekam die spirituelle Seite in ihr eine bisher nicht gekannte Lebendigkeit. Das Interesse an spirituellen Fragen und ein tiefes Angerührtsein in der Begegnung mit Menschen sowie die Faszination am Leben in seinen vielen Gesichtern zwischen Leid und Schönheit, zeigten ihr bald ihre Berufung auf. Nach einer theologischen Ausbildung trat sie 1983 in das Kloster ein. Für ihre Eltern und ihren Bruder war es damals sehr schwer, ihren Entschluss zu akzeptieren.
2008 hat sie bereits die Hälfte ihres Lebens im Kloster verbracht. Die Benediktinerin ist in Engelthal glücklich geworden. Vor dem Eintritt in ein Kloster, setzen sich die Frauen lange Zeit mit dem klösterlichen Leben auseinander. Viele lesen Bücher darüber und führen Gespräche mit Ordensfrauen. Der Weg ist lang. Zunächst muss die Person, die um eine Aufnahmezeit in einer katholischen Ordensgemeinschaft bittet, eine Vorbereitungszeit (Postulat) absolvieren. Der Eintritt ins Kloster lässt der Postulantin die Überprüfung ihrer Entscheidung noch offen. In Engelthal erhält sie dann nach einem halben Jahr ihr Ordenskleid und ihren Klosternamen. Dieser entspricht entweder ihrem Taufnamen oder wird nach einer/einem Heiligen ausgewählt. Nach zwei Jahren legt die Novizin, die Schwester in Erprobung, ihre erste Profess ab. Erst nach weiteren drei Jahren, gehört sie durch die feierliche Profess dem Kloster an. In der Profess gelobt die Nonne lebenslange Bindung an Gott und die Gemeinschaft, Bereitschaft zu Beständigkeit, klösterlicher Lebensweise und Gehorsam. „Ich ließ mich auf diesen Weg ein. Er fasziniert mich noch immer. Ich habe einen großen Gewinn an innerer Freiheit erfahren, ein Wachstum in die Tiefe und Weite zugleich“, sagt die Ordensfrau. Wie sie verrät, hat sie zu Beginn ihres Klosterlebens besonders ihre Bücher sehr vermisst. In der Abtei ist sie heute nicht nur mit dem Amt der stellvertretenden Verwaltungsleiterin betraut sondern ist auch Ansprechpartnerin für Baufragen und für das Energiekonzept. In die Kursarbeit und die Einzelseelsorge ist sie involviert. Nebenbei absolvierte sie Ausbildungen in Kirchenmusik, Logotherapie und Existenzanalyse, Ausbildungen, die ihr in den Aufgaben als Kursleiterin und in der Seelsorge sehr hilfreich sind.
In der Abtei werden nicht nur ein Gemüse-und ein Ziergarten betrieben sondern auch eine Obstplantage und eine Imkerei. Hinzu kommen die moderne Verwaltung, eine Restaurierungswerkstatt und die Buch-und Kunsthandlung. Auch der Bereich des Gästehauses gehört zum Kloster. Zirka 30 Gäste können dort aufgenommen werden. Ein äußerst reizvolles Angebot gibt es für Frauen ab 16 Jahren, die in Kloster-auf-Zeit-Kursen das Klosterleben kennen lernen können. Seit 1969 werden im Kloster Kurse verschiedener Art angeboten, zum Beispiel Exerzitien, Bibel-und Märchen, Lebens-und Glaubensthemen und Gregorianischer Choral. Geschlossene Gruppen können auch eigene Tagungen oder Arbeitstreffen durchführen. Für Erholungsgäste und Wanderer gibt es interessante Ausflüge zum keltischen Grabhügel auf dem Glauberg oder zur Kapelle Maria Sternbach bei Wickstadt. In der Restaurierungswerkstatt, unter Leitung von Schwester Johanna Stüer, werden kirchliche Kunstgegenstände in Zusammenarbeit mit dem Diözesan-Museum Mainz fachgerecht aufgearbeitet. Diese Arbeiten sind eingebettet in den Tagesrhythmus des Klosters, der um sechs Uhr mit dem Morgengebet (Laudes) beginnt. Persönliche Meditation und Lesung der Bibel oder geistlicher Lektüre schließen sich an. Höhepunkt ist die Eucharistiefeier um acht Uhr. Die Gregorianische Gesänge werden unter der Leitung der auch wissenschaftlich tätigen Schwester Liobgid Koch besonders gepflegt. Danach beginnt die Arbeit in Küche, Garten, Verwaltung und den anderen Bereichen. Die Arbeit als solche sehen die Ordensfrauen als Broterwerb, als Dienst an der Gemeinschaft und den Gästen und als Arbeit an sich selbst an. Nur das Notwendigste wird dabei gesprochen. Um 12 Uhr wird das Mittagsgebet gesprochen. Nach der Mittagsruhe beginnen die Schwestern wieder bis um 17.30 Uhr in ihren Bereichen zu arbeiten. Nach der gesungenen Vesper, dem Abendgebet, treffen sich die Nonnen zum Abendessen im Speisesaal (Refektorium).
Die Mahlzeiten verlaufen schweigend. Mittags und abends wird eine Tischlesung vorgetragen. Nach dem kirchlichen Nachtgebet (Komplet) um 20 Uhr und der daran anschließenden Gebetszeit der Nachtwachen (Vigilien), beginnt um 21 Uhr das Schweigen im Kloster. Dann suchen die Nonnen ihre Zimmer (Zellen) auf, die ansprechend und einfach eingerichtet sind. Während des Tages bleibt auch für persönliche Neigungen wie Lesen, Musikhören oder Musizieren noch Zeit. Dass die Ordensfrauen durchaus nicht abgeschlossen von der Welt hinter Klostermauern leben, sondern sich auch Gedanken über ihre Zukunft machen, dokumentiert die Gründung einer Stiftung. Diese wurde von der Vereinigung der Benediktinerinnen des Klosters Engelthal im Dezember 2004 ins Leben gerufen.
Die Anerkennung zur rechtsfähigen, öffentlichen und kirchichen Stiftung bürgerlichen Rechts, erteilte das Bischöfliche Ordinariat in Mainz. Die Genehmigung erfolgte durch den Regierungspräsidenten in Darmstadt. Die Stiftung wurde errichtet, um auch für die Zukunft den Geist der Regel Benedikts in Engelthal zu bewahren durch die Erhaltung der Abtei, der Förderung des klösterlichen Lebens und seiner seelsorglichen und kulturellen Aufgaben, sowie den Erhalt der Kunst-und Kulturgüter des Klosters. Als Kulturerbe der Wetterau ist die Abtei heute ein spirituelles, ökumenisches und kulturelles Zentrum, das man erhalten möchte. Eigentümer der Klosteranlage ist die Diözese Mainz, die zur Zeit zwei baulich marode und energetisch ineffiziente Gebäudeflügel neu errichtet.
Kontakt: Kloster Engelthal, etwa einen Kilometer abseits der B521 am Waldrand zwischen Altenstadt und Nidderau, (von 9.30 Uhr bis 11.45 Uhr)
Telefon: 06047 / 9636-0, 9636-305 (Gästehaus), 9636-444 (Buch-und Kunsthandlung), 9636-730/731 (Restaurierungswerkstatt)
E-Mail: gaestehaus@kloster-engelthal.de
oder unter: www.Abtei-Kloster-Engelthal.de.

